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Qigong ist das Zusammenspiel von Bewegung, Atmung und Vorstellungskraft (Geist) – Teil 2

Aktualisiert: 10. Aug.


Luftaufnahme eines mäandrierenden Flusses durch grüne Moorlandschaft im Morgenlicht, mit Nebel und Wald.

Warum Qigong keine Gymnastik ist: Wie äußere Bewegung innere Blockaden löst


„Wandern in Muße ist Nicht-Handeln."

– Zhuangzi


Wer zum ersten Mal Qigong übt, wundert sich oft: Die Bewegungen sind langsam, fast fließend. Es gibt kein Dehnen bis an die Schmerzgrenze, kein Schwitzen, kein Auspowern. Von außen betrachtet sieht es manchmal so aus, als würde gar nicht viel passieren.

Doch der Schein trügt. Qigong ist keine Entspannungsgymnastik. Es ist ein hochpräzises System, das unseren Körper auf einer Ebene anspricht, die wir im modernen Alltag oft völlig ignorieren: das fasziale und energetische Netzwerk.


Das Meridiansystem: Die Leitbahnen des Körpers


In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird der Körper von einem Netzwerk aus Leitbahnen durchzogen – den Meridianen (Jinglou). Durch diese Kanäle fließt das Qi, die Lebensenergie. Die TCM beschreibt 12 Hauptmeridiane, die spiegelbildlich auf beiden Körperhälften verlaufen und jeweils einem Organsystem zugeordnet sind .

Diese Hauptmeridiane verlaufen direkt unter der Haut und bilden ein geschlossenes Kreislaufsystem:

•Yin-Meridiane (z. B. Lunge, Herz, Niere) verlaufen auf den Innenseiten der Arme und Beine sowie an der Körpervorderseite. Sie leiten die Energie von unten nach oben.

•Yang-Meridiane (z. B. Dickdarm, Magen, Blase) verlaufen auf den Außenseiten und an der Körperrückseite. Sie leiten die Energie von oben nach unten.

Die TCM geht davon aus, dass Krankheiten, Schmerzen und Erschöpfung entstehen, wenn der Qi-Fluss in diesen Meridianen blockiert ist – ähnlich wie ein Staudamm, der einen Fluss blockiert. Das Ziel von Akupunktur, Akupressur und eben Qigong ist es, diese Staudämme aufzulösen .

Lange Zeit tat sich die westliche Medizin schwer mit diesem Konzept, da bei anatomischen Sektionen keine Gefäße gefunden wurden, die den Meridianen entsprachen. Das änderte sich grundlegend durch die moderne Faszienforschung.


Die Brücke zur westlichen Wissenschaft: Faszien und Meridiane


Faszien sind das Bindegewebe, das unseren gesamten Körper wie ein dreidimensionales, elastisches Netz durchzieht. Sie umhüllen jeden Muskel, jeden Knochen, jeden Nerv und jedes Organ. Sie geben uns Struktur und Form.

Der US-amerikanische Anatom Thomas W. Myers stellte in seinem bahnbrechenden Werk „Anatomy Trains“ dar, dass Faszien nicht nur isolierte Hüllen sind, sondern durchgehende myofasziale Ketten bilden, die Kraft und Spannung durch den ganzen Körper übertragen .

Vergleicht man die myofaszialen Ketten von Myers mit den 12 Hauptmeridianen der TCM, zeigt sich eine verblüffende Übereinstimmung. So verläuft beispielsweise Myers' „Superficial Back Line“ (die oberflächliche Rückenlinie) exakt auf der gleichen Bahn wie der Blasenmeridian in der TCM – vom Kopf über den gesamten Rücken und die Beinrückseiten bis zu den Füßen .


Vergleichsgrafik: Fasziale Ketten und Meridiane an zwei Körper-Silhouetten, blau und gold, mit Pfeilen und Beschriftungen.



Die Forschung von Dr. Helene Langevin


Die Neurobiologin Dr. Helene Langevin von der Harvard Medical School lieferte den entscheidenden wissenschaftlichen Nachweis für diese Verbindung. In Ultraschallstudien untersuchte sie die Lage klassischer Akupunkturpunkte. Das Ergebnis: Über 80 Prozent der Akupunkturpunkte liegen exakt dort, wo sich Faszienbahnen kreuzen oder wo tiefe Faszien an die Oberfläche treten .

Langevin konnte zudem nachweisen, was auf zellulärer Ebene passiert: Wenn Gewebe mechanisch stimuliert wird (etwa durch eine Akupunkturnadel oder durch langsame, gezielte Qigong-Dehnung), wickeln sich die Kollagenfasern der Faszien auf. Das Bindegewebe reagiert auf diesen Zug, indem es Botenstoffe ausschüttet, die Entzündungen hemmen und Schmerzen lindern .

Die Meridiane der TCM sind aus dieser modernen Perspektive keine unsichtbaren Energiekanäle mehr, sondern lokalisierbare fasziale Spannungsbahnen. Qi ist demnach kein mystischer Hauch, sondern der ungehinderte Fluss von mechanischer Information, Flüssigkeit und Nervenimpulsen durch ein gesundes Bindegewebe .


Warum Anstrengung keine Blockaden löst


Hier schließt sich der Kreis zur Qigong-Bewegung. Wenn wir gestresst sind, passiert physiologisch folgendes: Das sympathische Nervensystem (unser „Kampf-oder-Flucht“-Modus) schüttet Stresshormone aus. Daraufhin kontrahieren nicht nur die Muskeln, sondern auch die Faszien selbst. Sie verkleben und verfilzen . Die Meridiane blockieren.

Wenn wir nun versuchen, diese Blockaden durch harte Gymnastik, Krafttraining oder intensives Dehnen zu lösen, passiert oft das Gegenteil: Der Körper empfindet die Anstrengung als weiteren Stress. Der Sympathikus bleibt aktiv, das Gewebe bleibt hart.

Qigong wählt den entgegengesetzten Weg. Die Bewegungen sind langsam, fließend und werden nie mit maximaler Kraft ausgeführt. Wir arbeiten im Qigong nach dem Prinzip des Wu Wei – dem Handeln durch Nicht-Handeln, oder wie es Laotse ausdrückt: der Kraft des Wassers, das weich ist und gerade deshalb das Harte bezwingt.


Wald mit Bach und Moossteinen, darüber Spruchtafel: Die höchste Güte ist wie das Wasser. Sanfte, ruhige Stimmung.

Neurophysiologie: Das Umschalten auf Sicherheit


Diese Sanftheit hat einen klaren neurophysiologischen Zweck. Langsame, fließende Bewegungen, kombiniert mit ruhiger Atmung, senden dem Nervensystem ein entscheidendes Signal: Sicherheit.

Der Körper schaltet vom Sympathikus auf den Parasympathikus (den Ruhe- und Regenerationsnerv) um . Erst in diesem Zustand der neurologischen Sicherheit können die Faszien ihre Kontraktion aufgeben. Die Verklebungen lösen sich. Das Gewebe wird wieder geschmeidig und durchlässig. Der Qi-Fluss – die Übertragung von mechanischer Spannung und Information – ist wiederhergestellt.


Wie Qigong das Nervensystem reguliert: Sympathikus vs. Parasympathikus, mit Pfeil Qigong-Bewegung zu Ruhe und Regeneration.


Qigong nutzt also die äußere, sanfte Form, um eine tiefgreifende innere Bewegung auszulösen. Es ist eine Präzisionsarbeit am faszialen und energetischen Netzwerk des Körpers.

Deshalb sehen Qigong-Bewegungen so mühelos aus. Sie arbeiten nicht gegen den Körper, sondern mit seiner natürlichen Physiologie. Wie das Wasser, das keinen Widerstand leistet und doch den Stein formt.

In Teil 3 dieser Serie widmen wir uns der Atmung: Wie sie als Brücke zwischen Körper und Geist fungiert und warum sie der Taktgeber für jede Qigong-Bewegung ist.


Quellen und weiterführende Literatur


 
 
 

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