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Wenn das Handeln zur Programmausführung wird: Hartmut Rosas Zeitdiagnose und die Praxis des Qigong

Der Soziologe Hartmut Rosa formuliert in seinem Buch „Situation und Konstellation“ eine scharfe Diagnose unserer Gegenwart: Das Band zwischen Emotion und Handeln sei durchschnitten. Unser Tätigsein in der Welt gleiche zunehmend einer bloßen Programmausführung. Was bedeutet das für unseren Alltag, und welche Rolle können körperzentrierte Praktiken wie Qigong in einer solchen Welt spielen?


Frau praktiziert Qigong im Bambuswäldchen bei Sonnenaufgang – Übung für innere Ruhe und Stressabbau

Das Verschwinden des Spielraums

In einem Gespräch mit dem Philosophie Magazin [1] erläutert Rosa, wie sich unser Handeln wandelt. Menschen benötigen Spielräume, um Situationen mit „Augenmaß und Fingerspitzengefühl“ begegnen zu können. Doch diese Spielräume schwinden. Ob beim Kochen mit vollautomatisierten Küchenmaschinen, beim Navigieren durch den Verkehr oder bei der Bewertung von Leistungen – überall ersetzen technische Vorgaben, Algorithmen und Kriterienkataloge die eigene Urteilskraft.

Rosa unterscheidet dabei zwischen zwei Modi des Weltzugriffs:

•Die Situation: Ein kontextgebundenes Handeln, bei dem der Mensch als ganzes Subjekt mit seinen Emotionen und seinem Körpergefühl gefordert ist.

•Die Konstellation: Ein Handeln nach vorgegebenen Parametern, Regeln und Anordnungen, bei dem Emotionen eher stören und stillgestellt werden müssen.

„Unser Tätigsein in der Welt gleicht zunehmend einer bloßen Programmausführung. [...] Entweder sind es technische Vorgaben oder klare Regeln und Anordnungen, die mir Schritt für Schritt sagen, was ich zu tun habe. Das lässt sich vom Kochen und Lego-Spielen bis hin zur Politik und zur Wissenschaft beobachten.“

– Hartmut Rosa [1]


Die Entkopplung von Emotion und Handeln

Wenn Handeln zu einem „reinen Vollziehen“ wird, hat dies weitreichende Konsequenzen. Um den Vorgaben zu genügen, müssen wir unsere Emotionen stillstellen. Dieses permanente Unterdrücken der eigenen Gefühlsregungen im beruflichen und privaten Alltag kostet Kraft. Rosa sieht hierin eine wesentliche Ursache für gesellschaftliche Erschöpfungsphänomene wie Burnout und Depression.

Paradoxerweise führt dieses Stillstellen im Alltag zu einer Sehnsucht nach emotionaler Verwirklichung in Nischen. Der Mensch sucht sich Räume, in denen er nicht funktionieren muss, sondern spüren darf – sei es beim Sport, in der Kunst oder in der Natur.


Kontrast: Erschöpfter Mann vor Bildschirmen im Büro links, entspannter Mann in Qigong-Haltung in der Natur rechts

Der situative vs. der konstellative Blick auf Gesundheit

Besonders deutlich wird Rosas Theorie am Beispiel der Gesundheit. In der modernen, konstellativen Welt wird Gesundheit parametrisch erfasst: Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Leberwerte. Der Mensch wird in messbare Einzelteile zerlegt.

Dem gegenüber steht der introspektive, situative Zugang: Die einfache Feststellung „Ich fühle mich gut“. Diese Fähigkeit zur inneren Wahrnehmung droht in einer von Messgeräten und Optimierungsdruck dominierten Welt verloren zu gehen.


Qigong als Rückkehr in die „Situation“

Betrachtet man die Praxis des Qigong durch die Linse von Rosas Soziologie, zeigt sich, warum solche Traditionen heute eine besondere Relevanz haben. Qigong ist strukturell das genaue Gegenteil einer „Programmausführung“.


1. Die Wiederverbindung von Spüren und Tun

Während die moderne Arbeitswelt oft verlangt, den Körper auszublenden und rein kognitiv nach Vorgaben zu funktionieren, zwingt Qigong zur Präsenz. Die langsamen, bewussten Bewegungen lassen sich nicht mechanisch abarbeiten. Sie erfordern eine ständige Rückkopplung zwischen der äußeren Bewegung und dem inneren Spüren (dem Atem, der Spannung, dem Gleichgewicht). Das von Rosa beschriebene „durchgeschnittene Band“ wird hier methodisch wieder geknüpft.


Frau in weißer Kleidung führt fließende Qigong-Bewegung auf Holzsteg am See bei Sonnenaufgang aus

2. Die Kultivierung der Introspektion

Rosas Kritik am parametrischen Gesundheitsverständnis findet im Qigong eine praktische Antwort. Die Übungen schulen systematisch die Fähigkeit zur Introspektion. Anstatt die Verantwortung für das eigene Befinden an externe Messgeräte oder Kriterienkataloge abzugeben, wird die eigene Urteilskraft gestärkt. Der Übende lernt, seinen Zustand situativ zu erfassen.

Die moderne „Konstellation“ (nach Rosa)

Die Qigong „Situation“

Handeln als Programmausführung

Handeln aus innerer Präsenz

Regeln, Algorithmen, Vorgaben

Körpergefühl, Atem, Intuition

Emotionen werden stillgestellt

Inneres Spüren und Bewegung sind verbunden

Gesundheit als messbarer Parameter

Gesundheit als spürbares Gleichgewicht

3. Der bewusste Erhalt von Spielräumen

Rosa warnt davor, dass der Versuch, durch immer komplexere Regelwerke der Vielfalt der Welt gerecht zu werden, scheitern muss. Wir benötigen Räume, in denen wir nicht nach Effizienz oder Vorgaben handeln.


Nahaufnahme der Hände bei einer Qigong-Übung – achtsame Körperwahrnehmung und Qi-Fluss

In diesem Sinne kann die Qigong-Praxis als das bewusste Aufsuchen und Erhalten eines solchen Spielraums verstanden werden. Es ist eine Zeit, in der keine Optimierung stattfindet, sondern in der das situative Handeln – das bloße Dasein, Atmen und Bewegen im gegenwärtigen Moment – geübt wird. In einer Welt des ständigen Vollziehens ist die Fähigkeit, einfach nur gewahr zu sein, eine notwendige Ressource zur Erhaltung der eigenen Resilienz.

Referenzen:

[1]: # "Philosophie Magazin (03/2026). „Das Band zwischen Emotion und Handeln ist durchschnitten“. Interview mit Hartmut Rosa von Theresa Schouwink, S. 16-19."

 
 
 

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